Die Datenjournalismus-Leseliste

Was muss man lesen, wenn man sich in den Themenkreis Datenjournalismus einlesen will? Hier findet ihr eine Liste mit intelligentem Lesestoff (bzw. das, was ich dafür halte), die natürlich nicht vollständig ist – wenn ihr einen guten Text habt, der unbedingt auf diese Liste rauf soll, bitte ich um eine kurze Anmerkung unten in den Kommentaren oder auf Twitter. Wer sich schon ein bisschen mit dem Thema auskennt, wird nicht viel Neues finden – Newcomern sollte sie aber einen guten Einstieg ermöglichen. Viel Spaß damit! [Mehrfach upgedatet, zuletzt am 1. April 2012.]

Echt super, dieser Datenjournalismus. Fünf Sterne und so!

  • Adrian Holovaty: “A fundamental way newspaper sites need to change”

    Wenn laut Wikipedia dieser Blogeintrag des großen Adrian H. als Manifest gilt, gehört dieser Beitrag natürlich in eine Datenjournalismus-Leseliste. (Und was in der Wikipedia steht, muss ja auch stimmen, oder?) Auf jeden Fall argumentierte Holovaty bereits vor fünfeinhalb Jahren (!), im September 2006, dass sich Medien von der herkömmlichen Erzählform (“story-centric worldview”) verabschieden sollten – das ist eine Forderung (bzw. Vision), die jetzt noch immer genauso modern ist wie damals. Holovaty erklärt auch, warum: “Journalists aren’t the most tech-savvy bunch, they’re not the most innovative bunch, and they’re (just a tad) resistant to change.” ;-)
  • Lorenz Matzat: “Neues von der Definition des Datenjournalismus”

    Was Matzat im oberen Beitrag geschrieben hat, gilt so noch immer – eine aktuellere Definition des DDJ und was die aktive Community darüber denkt, kann man in diesem Text lesen. Unter anderem geht es um verschiedene Arten des DDJ und wie man sie unterscheiden kann.

  • Jonathan Stray interviewt Simon Rogers: “Freie Daten für alle”

    Aus der Ausgabe 9/2010 des deutschen Medium Magazin: Jonathan Stray (Twitter, Blog), der selber in der Szene kein Unbekannter ist (er ist “Interactive Technology Editor” bei AP) interviewt Simon Rogers, den Chef des Daten-Ressorts beim Guardian. Jetzt, im Frühling 2012, klingt das Interview schon reichlich antiquiert – trotzdem ist es spannend zu lesen, wie Rogers von den Anfängen des Datablogs erzählt und einen kleinen Einblick in die Arbeit beim Guardian gibt. Einen besseren Einblick gibt freilich folgendes Buch:
  • Simon Rogers: “Facts are Sacred: The power of data”

    Hat man das kurze Büchlein (es stammt aus der Reihe der “Guardian Shorts”) durchgelesen, glaubt man wirklich zu wissen, wie diese Helden der Visualisierung, die Ikonen des Arbeitens mit und Lesen von Daten arbeiten. Man weiß es natürlich nicht, dafür ist das Buch zu kurz – aber es werden genügend Themen angerissen und Hilfestellungen geboten, die einem einen Überblick geben, was man so machen muss mit diesen Daten, damit am Ende was Gescheites rauskommt. Rogers räumt zum Beispiel mit dem Unsinn auf, dass jede Visualisierung schon Datenjournalismus auf – die Visualisierung steht erst ganz am Ende, davor muss man erst die Daten finden, bereinigen und aufbereiten, bevor man sie analysieren kann. Erst wenn das erledigt ist, kommt die Visualisierung dran. Die sollte man – vor allem bei aufwendigen Projekten – einem Designer überlassen. Denn, so sagt Rogers in “Facts are Sacred”: “Designing a graphic and analysing data are two different jobs.” Man muss auch kein Programmierer sein, um ein guter Datenjournalist zu sein (auch wenn es Menschen gibt, die diesen Weg beschreiten, und hervorragend für diesen Weg geeignet sind), denn der Großteil der Arbeit finde in Excel statt. Rogers schreibt noch über viel mehr, etwa über die Anfänge des DDJ. Kurz gesagt: Wer sich mit Datenjournalismus beschäftigen will, sollte die paar Euro für das Buch ausgeben.
  • “The Data Journalism Handbook”

    Beim Mozilla Festival im November 2011 hat sich die Crème de la Crème der internationalen Datenjournalismus-Landschaft getroffen, um zu diskutieren – und um ein Buch zu schreiben. Im offenen Format, auf Google Docs, jeder kann lesen, nur die Experten dürfen editieren. (Weitere Informationen dazu gibt es hier auf Englisch und auf Deutsch.) Fertig ist es noch nicht, aber wenn es mal fertig ist, wird es wohl als Standard-DDJ-Lektüre gelten.

  • Jonathan Stray: “A computational journalism reading list”

    Einmal wurde Jonathan Stray in dieser Liste bereits erwähnt (er führte ein Interview mit Simon Rogers, siehe oben), ein eigener Listenpunkt sollte ihm aber trotzdem gewährt werden; Stray spricht vom “computational journalism” (ein Begriff, den es schon länger gibt, Stray verortet dessen Beginn auf 2006 oder 2007) und meint damit die Anwendung der Informatik auf die Probleme von ”public information, knowledge, and belief, by practitioners who see their mission as outside of both commerce and government. This includes the journalistic mainstay of “reporting” — because information not published is information not known — but my definition is intentionally much broader than that.” Stray bringt ein paar nützliche Links zum Datenjournalismus (die hier schon gelistet sind), seine Leseliste ist aber viel, viel breiter gestreut, etwa zum Themenkomplex Lingustic/Semantic Web/Free Speech. (Danke an @fin für den Hinweis!)
  • Die DDJ-Mailingliste

    Um immer auf dem Laufenden zu bleiben, was aktuelle Entwicklungen und Veranstaltungen in der internationalen Datenjournalismus-Szene angeht, empfiehlt sich ein abonnieren der DDJ-Mailingliste, die vom European Journalism Center und der Open Knowledge Foundation gehostet wird. (Danke an @boomblitz für den Hinweis!)

  • Ulrike Langer: “In den Laboren des Journalismus”

    Die ZEIT ONLINE beschäftigt sich regelmäßig mit Selbstreflexion und denkt über die Zukunft unseres Berufsstandes nach. Einer dieser Beiträge stammt von Ulrike Langer (darf man sich merken); sie erzählt vom New Yorker Netzwerk zwischen Universitäten und Medien und wie in dieser inspirierenden Umgebung Neues entstehen kann. Ein Satz, den der Leiter der “Interactive News”-Abteilung Aron Pilhofer (bitte merken) gesagt hat, gefällt mir besonders gut (und dasselbe hat sein Guardian-Gegenüber Simon Rogers weiter oben bereits gesagt): Für die meisten Projekte brauche man lediglich “ein[en] Journalist, ein[en] Programmierer und ein[en] Designer.” Von Pilhofer kommt gleich noch mehr:

  • Aron Pilhofer: “Medien sind nicht datengetrieben”

    Mirko Lorenz (merken!) hat ein Interview von Teresa Bouza, die gerade ihr Knight Fellowship in Stanford absolviert, mit dem oben bereits angesprochenen Aron Pilhofer übersetzt. Pilhofer fordert Medienunternehmen auf, in Datenjournalismus zu investieren – es sollten viel mehr jene Reporter angestellt werden, die neue Werkzeuge und damit auch neue Geschichten ins Haus bringen würden als Autoren, die schöne Texte abliefern können.


Danke an alle User auf den verschiedenen Kanälen für die guten Inputs!

5 thoughts on “Die Datenjournalismus-Leseliste

  1. Sehr gute Liste. Alles essentiell. Danke für die Erwähnung meines Zeit Online Beitrags und die Empfehlung “merken” :-) Das Interview mit Aron Pilhofer , aus dem das Zitat stammt, wird demmächst in der genannten Zeit Online Serie als Kurzvideo eingestellt (ca. 6 Minuten). Eine etwas längere deutsche Fassung wird es bei vocer.org geben, außerdem die englische Originalfassung. Schließlich empfehle ich noch diesen ausgzeichneten programmatischen Text der Datenjournalisten Mirko Lorenz, Nicolas Kayser-Bril und Geoff McGhee (http://www.niemanlab.org/author/gmcgheeetc/) sowie meine kuratierte Scoop.it-Liste zum Thema: http://www.scoop.it/t/datenjournalismus

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